AlkoholKoordinations-und InformationsStelle
des Anton-Proksch-Instituts

Kinder und Jugendliche in alkoholbelasteten Familien

Was bedeutet es für Kinder, in einer alkoholbelasteten Familie aufzuwachsen?

Wie viele Kinder sind betroffen?

  Zentrales Thema, auf das sich ENCARE seit seiner Gründung konzentriert, ist die Situation von Kindern und Jugendlichen in alkoholbelasteten Familien.
Das entsprechende Projekt wird aus Mitteln der GD SANCO (Gesundheit und Verbraucherschutz) der Europäischen Kommission (EK) gefördert.
[ SANCO]
 

Neben der Erfassung von Angeboten für Minderjährige aller Altersstufen und deren Familien werden im Rahmen des Projekts auch Maßnahmen bezogen auf werdende Mütter berücksichtigt, da durch übermäßigen und/oder dauerhaften Alkoholkonsum während der Schwangerschaft Schädigungen des ungeborenen Kindes verursacht werden können.

[ Kurzbeschreibung des Fetalen Alkoholsyndroms]
[ Kurzinformation von Kontakt&Co (Fachstelle für Suchtprävention Tirol) zum Thema FAS (Downloadbereich)]

[ FAS-World Deutschland: Informationen, Ansprechpartner, Publikationen
Diskussionsforum für Interessierte, Eltern und Pflegende betroffener Kinder
]

 

 

 

 

Der Problem- und Maßnahmenbereich "Erwachsene Kinder", also Erwachsene, die in alkoholbelasteten Familien aufwuchsen, wurde ausgeklammert. Einerseits weil sich ENCARE auf die Problemlagen von und auf Hilfsangebote für Minderjährige konzentriert, andererseits weil vorhandene Hilfsangebote hauptsächlich auf Erwachsene ausgerichtet sind und für Kinder und Jugendliche relativ wenige spezifische Beratungs- und Therapieangebote existieren.

Die Anonymen Alkoholiker im deutschsprachigen Raum (BRD, Schweiz, Österreich) bieten neben den Selbsthilfegruppen für Betroffene unter der Bezeichnung Al-Anon Selbsthilfegruppen für Freunde und Angehörige von Alkoholikern, unter der Bezeichnung Alateen spezielle Selbsthilfegruppen für Kinder aus alkoholkranken Familien und schließlich auch solche für erwachsene Kinder (Al-Anon erwachsene Kinder) an.
 
[ Anonyme Alkoholiker]
Was bedeutet es für Kinder, in einer alkoholbelasteten Familie aufzuwachsen?

Elterliche Alkoholabhängigkeit ist ein Risikofaktor, der auf direkte und/oder indirekte Weise die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen kann.
Übermäßiger und/oder dauerhafter Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann zu Schädigungen beim ungeborenen Kind führen ("FAS").

Bedingt durch die Abhängigkeit eines Elternteils - in der Mehrzahl der Fälle des Vaters - kann sich die Dynamik in den betroffenen Familien grundlegend verändern und eine Atmosphäre, die von Instabilität, Unberechenbarkeit, Konflikten und mangelnde emotionale Wärme gekennzeichnet ist, entstehen.
Für Kinder alkoholabhängiger Eltern können oft extreme Belastungssituationen entstehen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass


(1) "sie mehr Streit, konflikthafte Auseinandersetzungen und Disharmonie zwischen den Eltern erleben als andere Kinder;
(2) sie extremeren Stimmungsschwankungen und Unberechenbarkeiten im Elternverhalten ausgesetzt sind;
(3) sie häufiger in Loyalitätskonflikte zwischen den Elternteilen gebracht werden;
(4) Verlässlichkeiten und Klarheiten im familiären Ablauf weniger gegeben sind sowie Versprechungen eher gebrochen werden;
(5) sexuelle Belästigungen und aggressive Mißhandlungen häufiger vorkommen" (KLEIN, 1998).

Kinder alkoholkranker Eltern berichten von zahlreichen Ambivalenzerfahrungen, belastenden Emotionen (Schamgefühle, Einsamkeit, übermäßige Sorgen usw.), erfolglosen Kontrollversuchen sowie Loyalitätskonflikten. In manchen Fällen erleben sich Kinder selbst als Ursache des süchtigen Trinkens ihrer Eltern.
Die Alkoholerkrankung wird innerhalb der Familie tabuisiert, auch nach Außen wird versucht, den Schein einer heilen Familie aufrecht zu erhalten. Diese Tatsache und Scham verhindern, dass Kinder sich mit ihren Problemen anderen außenstehenden Personen anvertrauen und führt letztendlich einen Schritt in die soziale Isolation.

Die Reaktionen der Kinder auf die familiären Belastungen fallen sehr unterschiedlich aus: Sog. "Helden" zeigen erwachsenes, altersunangemessenes Verhalten, sie übernehmen Verantwortung, sodass ein reibungsloser Ablauf in der Familie erst ermöglicht wird. "Schwarze Schafe" hingegen fallen durch soziale nicht akzeptierte Verhaltensweisen auf, andere Kinder ziehen sich als Reaktion auf die belastende Situation von ihrer Umgebung zurück (vgl. BLACK, 1988, WEGSCHEIDER, 1988).

Kinder alkoholkranker Eltern haben ein vier- bis sechsfach erhöhtes Risiko, im späteren Leben ebenfalls eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln (vgl. SHER, 1991).
Darüber hinaus ist das Risiko für Angsterkrankungen, depressive Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten in dieser Risikogruppe deutlich erhöht (COTTON, 1979, LACHNER & WITTCHEN, 1995, WEST & PRINZ, 1987).

Es ist nicht davon auszugehen, dass alle Kinder alkoholabhängiger Eltern eine eigene Abhängigkeit oder andere psychische Störungen entwickeln, da neben belastenden kind- und umgebungsbezogenen Risikofaktoren die kindliche Entwicklung auch von schützenden Faktoren wie psychosozialer Unterstützung für das Kind - beispielsweise von einer nicht alkoholabhängigen Bezugsperson, ausgeprägte Widerstandsfähigkeit des Kindes o.ä. beeinflusst wird.

Ferner ist darauf hinzuweisen, dass der Risikofaktor Alkoholabhängigkeit sich oftmals mit anderen Risikofaktoren (Komorbidität des erkrankten Elternteils, psychische Erkrankung einer wichtigen Bezugsperson, elterliche Disharmonie, Arbeitslosigkeit, Armut usw.) verbunden vorfindet. Die Addition mehrerer Risikofaktoren oder das Vorliegen von wechselseitigen Beziehungen zwischen einzelnen Risikofaktoren ist für die je spezifische Ausprägung von Störungen bei den Kindern verantwortlich; für Hilfsmaßnahmen, die für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien dringend angezeigt sind, erscheint eine Vorgehensweise unabdingbar, bei der nicht nur Risiko- sondern vor allem auch Schutzfaktoren berücksichtigt werden.

 
Wie viele Kinder sind betroffen?

Genaue Erhebungen liegen diesbezüglich nicht vor, es gibt lediglich fundierte Schätzungen. Demnach haben in Österreich geschätzte 10 % der Kinder und Jugendlichen (bis zum Erreichen der Volljährigkeit) zumindest einen alkoholkranken Elternteil; bei circa 1,5 Millionen Kindern und Jugendlichen gesamt bedeuten diese 10 % in absoluter Zahl ausgedrückt 150.000 Minderjährige, die vom elterlichen Alkoholismus betroffen sind. - Darüber hinaus scheint die Annahme gerechtfertigt, dass etwa die Hälfte aller Minderjährigen in Österreich damit konfrontiert ist, dass ein Eltern-, Stiefeltern- oder Großelternteil bzw. anderer Verwandter, der mit ihnen im gemeinsamen Haushalt lebt bzw. für die Kernfamilie eine wichtige Rolle spielt, Alkohol missbraucht. (Uhl, 2005)

 

Mehr Informationen im Web zu diesem Thema:

Englischsprachige Website des EU-Projekts ENCARE
(European Network for Children Affected by Risky Environments within the Family).
[ www.encare.info]

Website der amerikanischen Vereinigung zugunsten von CoAs
[ www.nacoa.net]

Zusammenfassung des Zwischenberichts zum Modellprojekt "Prävention und Frühintervention bei Kindern aus suchtbelasteten Multiproblemfamilien" des Rheinischen Instituts für Angewandte Suchtforschung (RIAS)
[ www.rias.de]

Kurzinformation zum Thema: Fakten über Kinder aus Suchtfamilien (RIAS-Information 04/98)
[ www.rias.de]

KLEIN, Michael (2002): Die besondere Gefährdung für Kinder aus Suchtfamilien - Präventive Ansätze. In: Handbuch für Suchtkrankenhilfe, Wuppertal, Blaukreuz. Kap. 7.2.5, S 1-6
[ download Publikation (pdf-file)]

GSCHWANDTNER, Franz (2002):
"Suchtgefährdung von Kindern alkoholkranker Eltern" (Institut für Suchtprävention, Linz)
[ download Broschüre (pdf-file)]

"Familiengeheimnisse - Wenn Eltern suchtkrank sind und die Kinder leiden". Dokumentation der Fachtagung des BM für Gesundheit und Soziale Sicherung vom 04./05.12.2003 in Berlin
[ download Dokumentation]

KINDLER, Heinz: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Suchterkrankungen der Eltern und der Entwicklung von Kindern? in Heinz Kindler, Susanna Lillig, Herbert Blüml, Annegret Werner (Hg.) "Handbuch „Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD)", Deutsches Jugendinstitut e.V., (Entwurfsfassung vom 25.5.2005)

[ zum Handbuch]
[ Übersichtsartikel mit weiterführender Literatur]

Uhl, Alfred (2004):
Wie viel Freiheit braucht Suchtprävention - wie viel Zwang verträgt sie?
in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Tagungsband zur Tagung "Frühintervention - am Beispiel des Bundesmodellprojektes FreD" vom 23.-25. Juni 2003 in Potsdam.
Koordinationsstelle Sucht, Potsdam

 

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