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Was
bedeutet es für Kinder, in einer alkoholbelasteten Familie aufzuwachsen?
Elterliche Alkoholabhängigkeit ist ein Risikofaktor, der auf
direkte und/oder indirekte Weise die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen
kann.
Übermäßiger und/oder dauerhafter Alkoholkonsum während
der Schwangerschaft kann zu Schädigungen beim ungeborenen Kind
führen ("FAS").
Bedingt durch die Abhängigkeit eines Elternteils - in der
Mehrzahl der Fälle des Vaters - kann sich die Dynamik in den
betroffenen Familien grundlegend verändern und eine Atmosphäre,
die von Instabilität, Unberechenbarkeit, Konflikten und mangelnde
emotionale Wärme gekennzeichnet ist, entstehen.
Für Kinder alkoholabhängiger Eltern können oft extreme
Belastungssituationen entstehen, die dadurch gekennzeichnet sind,
dass
(1) "sie mehr Streit, konflikthafte Auseinandersetzungen
und Disharmonie zwischen den Eltern erleben als andere Kinder;
(2) sie extremeren Stimmungsschwankungen und Unberechenbarkeiten
im Elternverhalten ausgesetzt sind;
(3) sie häufiger in Loyalitätskonflikte zwischen den
Elternteilen gebracht werden;
(4) Verlässlichkeiten und Klarheiten im familiären Ablauf
weniger gegeben sind sowie Versprechungen eher gebrochen werden;
(5) sexuelle Belästigungen und aggressive Mißhandlungen
häufiger vorkommen" (KLEIN, 1998).
Kinder alkoholkranker Eltern berichten von zahlreichen Ambivalenzerfahrungen,
belastenden Emotionen (Schamgefühle, Einsamkeit, übermäßige
Sorgen usw.), erfolglosen Kontrollversuchen sowie Loyalitätskonflikten.
In manchen Fällen erleben sich Kinder selbst als Ursache des
süchtigen Trinkens ihrer Eltern.
Die Alkoholerkrankung wird innerhalb der Familie tabuisiert, auch
nach Außen wird versucht, den Schein einer heilen Familie
aufrecht zu erhalten. Diese Tatsache und Scham verhindern, dass
Kinder sich mit ihren Problemen anderen außenstehenden Personen
anvertrauen und führt letztendlich einen Schritt in die soziale
Isolation.
Die Reaktionen der Kinder auf die familiären Belastungen fallen
sehr unterschiedlich aus: Sog. "Helden" zeigen erwachsenes,
altersunangemessenes Verhalten, sie übernehmen Verantwortung,
sodass ein reibungsloser Ablauf in der Familie erst ermöglicht
wird. "Schwarze Schafe" hingegen fallen durch soziale
nicht akzeptierte Verhaltensweisen auf, andere Kinder ziehen sich
als Reaktion auf die belastende Situation von ihrer Umgebung zurück
(vgl. BLACK, 1988, WEGSCHEIDER, 1988).
Kinder alkoholkranker Eltern haben ein vier- bis sechsfach erhöhtes
Risiko, im späteren Leben ebenfalls eine Alkoholabhängigkeit
zu entwickeln (vgl. SHER, 1991).
Darüber hinaus ist das Risiko für Angsterkrankungen, depressive
Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten in dieser Risikogruppe
deutlich erhöht (COTTON, 1979, LACHNER & WITTCHEN, 1995,
WEST & PRINZ, 1987).
Es ist nicht davon auszugehen, dass alle Kinder alkoholabhängiger
Eltern eine eigene Abhängigkeit oder andere psychische Störungen
entwickeln, da neben belastenden kind- und umgebungsbezogenen Risikofaktoren
die kindliche Entwicklung auch von schützenden Faktoren wie
psychosozialer Unterstützung für das Kind - beispielsweise
von einer nicht alkoholabhängigen Bezugsperson, ausgeprägte
Widerstandsfähigkeit des Kindes o.ä. beeinflusst wird.
Ferner ist darauf hinzuweisen, dass der Risikofaktor Alkoholabhängigkeit
sich oftmals mit anderen Risikofaktoren (Komorbidität des erkrankten
Elternteils, psychische Erkrankung einer wichtigen Bezugsperson,
elterliche Disharmonie, Arbeitslosigkeit, Armut usw.) verbunden
vorfindet. Die Addition mehrerer Risikofaktoren oder das Vorliegen
von wechselseitigen Beziehungen zwischen einzelnen Risikofaktoren
ist für die je spezifische Ausprägung von Störungen
bei den Kindern verantwortlich; für Hilfsmaßnahmen, die
für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien dringend
angezeigt sind, erscheint eine Vorgehensweise unabdingbar, bei der
nicht nur Risiko- sondern vor allem auch Schutzfaktoren berücksichtigt
werden.
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