Text aus:
Uhl, Alfred; Bachmayer, Sonja; Kobrna, Ulrike; Springer, Alfred; Kopf, Nikolaus.; Beiglböck, Wolfgang; Eisenbach-Stangl, Irmgard; Preinsperger, Wolfgang; Musalek, Michael. (2008, in Vorbereitung):
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2008. dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGF, Wien
Unter "Was sind Alkopops (Alcopops), Radler und andere alkoholhältige Mischgetränke?" wurde auf die Schwierigkeiten hingewiesen Alkopops zu definieren und gegen andere süße alkoholische Premixgetränke abzugrenzen. In steuerrechtlichem Zusammenhang, in jenen Ländern, in denen spezielle Alkopopsteuren eingeführt wurden, werden Alkopops ausschließlich als „spirituosenhältige Premixgetränke“ definiert und dabei wird außer Acht gelassen, dass es eine Reihe funktionell völlig äquivalente süße Alternativen zu Alkopops auf Wein-, Obstwein- und Bierbasis gibt, die keine Spirituosen enthalten.
In jenen Staaten, die Sondersteuern auf spirituosenhältige Premixgetränke eingeführt haben, wird der seit einiger Zeit zu beobachtende Umsatzrückgang bei den betroffenen Produkten auf die Einführung dieser steuerlichen Maßnahmen zurückgeführt, was zunächst auch sehr plausibel erscheint. Kaum jemand zieht in Erwägung, dass dieser Absatzrückgang auch ein maßnahmenunabhängiger Trend sein könnte. Letzteres erscheint jedoch durchaus plausibel, wenn man historische Beispiele und die Entwicklung des Alkopopmarkes in Österreich berücksichtigt (Uhl et al., 2005). So hat es in den letzten drei Jahrzehnten bereits einige analoge Wellen mit süßen alkoholhältigen Mischgetränken, z.B. „Wine Coolers“ (vgl. Montgomery, 2004; Kusserow, 1991), gegeben, die sich allerdings immer bloß als relativ kurzlebige Modeerscheinung herausgestellt haben. (Room, 2004)
Abb 1: Entwicklung des spirituosenhältigen Alkopopkonsums in Österreich 
Grafik: Suchtpräventionsdokumentation - Alkohol, ehemals AKIS
Quelle: Manner (2005), Machacek (2008)
Erläuterung: Auf der linken Seite ist der Gesamtabsatz an spirituosenhältigen Alkopops pro Jahr in Mio. Litern ablesbar, auf der rechten Seite der Pro-Kopf-Jahreskonsum an Reinalkohol aus spirituosenhältigen Alkopops.
Besonders aussagekräftig ist hier aber die aktuelle Entwicklung in Österreich, wo keine Maßnahmen gegen spirituosenhältige Premixgetränke gesetzt wurden – wodurch sich die aus der Forschungsperspektive günstige Situation eines natürlichen Experiments ergab. Obwohl keine Maßnahmen gesetzt wurden ergab sich vom Absatzhöhepunkt 2003 bis 2006 ein Umsatzeinbruch um 3/4 (75%) (vgl. Abb. 1, oben). Der Absatzrückgang von 2003 bis 2004 war in Deutschland (von 0,7% auf 0,3% des gesamten Reinalkoholkonsums, Bundesministerium der Finanzen, 2005) zwar etwas stärker als der Rückgang in Österreich im gleichen Zeitraum (von 0,7% auf 0,4%), aber 2006 betrug der Anteil auch in Österreich bloß noch 0,2% des Gesamtalkoholkonsums. Dieser ist also fast auf den Wert vor dem Beginn des Alkopopbooms in Österreich zurückgefallen. Insgesamt wurden 2006 in Österreich 3,2 Millionen Liter Alkopops abgesetzt. Das entspricht 0,4 Liter Alkopops pro Österreicher und Jahr oder 18g Reinalkohol pro Österreicher und Jahr oder - wie zuvor erwähnt 0,2% des insgesamt in Österreich konsumierten Reinalkohols.
Erwähnenswert ist hier auch, dass in Deutschland die Industrie, als Reaktion auf die Alkopopsteuer, nunmehr verstärkt auf bierhältige und weinhältige Alkopops setzt (Bundesministerium der Finanzen, 2005), während sich eine analoge Entwicklung in Österreich nicht abzeichnet. Bezüglich des Rückgangs in Österreich, als Land, das explizit keine gesetzlichen Maßnahmen gegen Alkopops gesetzt hat, wo aber die Diskussion sehr wohl auch stattgefunden hat bzw. stattfindet, könnte man auch einen gewissen „Sogeffekt“ vermuten; d.h. dass die öffentliche Debatte und die Entwicklung in den Nachbarstaaten eine Sensibilisierung der Alkoholindustrie bewirkt haben, die daraufhin – eventuellen imageschädigenden gesetzlichen Maßnahmen vorgreifend – mit einer Zurücknahme der offensiven Marketingstrategien bei Alkopops reagiert hat.
Bei den ebenfalls süßen Bier-Premixgetränken, die vom Marketing her nicht direkt auf Jugendliche zielen und daher auch noch nicht ins Schussfeld der öffentlichen Kritik geraten sind, ergab sich im gleichen Zeitraum kein Umsatzrückgang (Abb. 2).
Abb 2: Entwicklung des Konsums von Bier-Premixgetränken in Österreich

Grafik: Suchtpräventionsdokumentation - Alkohol, ehemals AKIS
Quelle: Verband der Brauereien Österreichs (2005)
Erläuterung: Auf der linken Seite ist der Gesamtabsatz an Bier-Premixgetränken pro Jahr in Mio. Litern ablesbar, auf der
rechten Seite der Pro-Kopf-Jahreskonsum an Reinalkohol aus Bier-Premixgetränken.
Ob Premixgetränke nun durch den Zusatz von Spirituosen, die zuvor aus vergorenen Getränken destilliert und dann Limonaden zugefügt werden, oder direkt durch den Zusatz von vergorenen Getränken zu Limonaden erzeugt werden, ist sowohl für die Erzeuger als auch für die KonsumentInnen bedeutungslos. Insbesondere in der deutschen Alkopop-Diskussion wurde allerdings als Argument gegen die Alkopops immer wieder vertreten, dass der Zusatz von gebrannten Alkoholika das besonders Gefährliche sei; eine Meinung die aus medizinischer Sicht jedoch nicht zutreffend ist, weil allein die Höhe des Alkoholgehaltes für die Wirkung ausschlaggebend ist. Die Alkoholindustrie kann also durch eine Umstellung der Erzeugungsform steuerliche Maßnahmen und unterschiedliche Schutzalter für spirituosenhältige Alkopops problemlos umgehen.
Weiters wird die oft behauptete Sonderposition der Alkopops als Einstiegshilfe in den Alkoholkonsum für jene Kinder und Jugendliche, die aus geschmacklichen Gründen nicht zu Bier, Wein oder Spirituosen greifen, erheblich überschätzt. Es gibt viele funktional gleichwertige süße alkoholische Getränke, die nicht als „Alkopops“ bezeichnet werden, wie z.B. die nicht poppig aufgemachten vorfabrizierten Bier-Premixgetränke (Radler), und solche, die nie als „Alkopops“ bezeichnet werden, wie Liköre (z.B. Cointreau, Baileys, Eierlikör usw.), oder aufgespritete Dessertweine (z.B. Portwein, Sherry usw.). Auch nicht-vorgemischte Mixgetränke (z.B. Cola-Rum, Tee oder Kakao mit Rum, Cocktails, selbst gemischte Radler, Rotwein-Cola, Red Bull-Rotwein und vieles mehr) sind funktional äquivalente Alternativen zu den spirituosenhältigen Alkopops. Auch süße Beerenweine sowie Obstschaumweine (z.B. Ribiselwein oder Marillensekt) haben Kindern und Jugendlichen, aber natürlich auch alkoholunerfahrenen Erwachsenen, über Jahrzehnte als Einstiegshilfe in den Alkoholkonsum gedient. Nordlund (2004) konnte in diesem Zusammenhang für Norwegen feststellte, dass der über Alkopops konsumierte Alkohol durch einen Rückgang bei anderen alkoholischen Getränken kompensiert wird.
Die unklare Abgrenzung der Kategorie „Alkopops“ gegen die Gesamtgruppe der Premixgetränke und der Umstand, dass viele Menschen trotz sensationsorientierter medialer Berichterstattung, mit diesem Begriff wenig anzufangen wissen, stellt vor allem bei der befragungsbasierten Erhebungen des Alkopopskonsums eine erhebliche Schwierigkeit dar.
In manchen Regionen – so z.B. in der Schweiz, in Deutschland und in fünf österreichischen Bundesländern (Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Tirol) – beträgt das Schutzalter für spirituosenhältige Alkopops 18 Jahre, während das Schutzalter für Wein und Bier bei 16 Jahren liegt. Ob Alkopops durch Zusatz von Spirituosen, die aus vergorenen Getränken destilliert wurden, oder unmittelbar durch Zusatz von vergorenen Getränken erzeugt werden, ist sowohl für die Erzeuger als auch für die Konsumenten relativ bedeutungslos, und es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Handelsmarken zusehends von Spirituosen-Alkopops auf Bier- und Wein-Alkopops umstellen. Damit können sowohl unterschiedliche Schutzalter für Spirituosenmixgetränke als auch etwaige Sondersteuern für Spirituosenmixgetränke umgangen werden.
Bei der „Repräsentativerhebung 2004“ (Uhl et al., 2005) wurde zwar nach „in Flaschen gefüllte Mischgetränken“ gefragt – daraus lässt sich die Unterscheidung in Alkopops und Radler leider nicht durchführen. Tab. 1 kann man entnehmen, dass im Jahre 2004 rund 4% des konsumierten Reinalkohols über in Flaschen gefüllte Mischgetränke konsumiert wurde.
„Aufspriten“ eines Getränks bedeutet mit Spirituosen versetzen, um den Alkoholgehalt zu erhöhen
Tab. 1: Alkoholmenge aus bestimmen Getränkekategorien 2004
| |
ges. |
männl. |
weibl. |
Pflichts. |
Fachs. |
Matura |
|
| Bier |
54% |
64% |
31% |
52% |
59% |
46% |
| Wein, Sekt |
27% |
21% |
42% |
28% |
25% |
32% |
| Spirituosen |
8% |
7% |
10% |
9% |
7% |
9% |
| andere Mischgetränke |
5% |
4% |
8% |
5% |
4% |
7% |
| alkoholhältiger Most |
2% |
2% |
2% |
3% |
2% |
2% |
| in Flaschen gefüllte Mischgetränke |
4% |
3% |
7% |
4% |
3% |
5% |
| Anzahl |
4.407 |
2.084 |
2.324 |
1.248 |
1.865 |
1.184 |
| |
West |
Ost |
Wien |
Land |
Stadt (oW) |
|
| Bier |
54% |
54% |
53% |
55% |
53% |
| Wein, Sekt |
27% |
27% |
30% |
26% |
28% |
| Spirituosen |
7% |
8% |
7% |
8% |
8% |
| andere Mischgetränke |
5% |
5% |
5% |
5% |
6% |
| alkoholhältiger Most |
2% |
3% |
1% |
2% |
3% |
| in Flaschen gefüllte Mischgetränke |
4% |
3% |
5% |
4% |
3% |
| Anzahl |
1.139 |
2.384 |
885 |
1.871 |
1.791 |
| |
14-19 |
20-29 |
30-39 |
40-49 |
50-59 |
60-69 |
70-99 |
| Bier |
50% |
53% |
54% |
60% |
55% |
37% |
46% |
| Wein, Sekt |
17% |
23% |
23% |
26% |
32% |
53% |
43% |
| Spirituosen |
11% |
11% |
7% |
6% |
6% |
3% |
4% |
| andere Mischgetränke |
12% |
7% |
8% |
2% |
3% |
6% |
5% |
| alkoholhältiger Most |
0% |
1% |
2% |
3% |
3% |
1% |
0% |
| in Flaschen gefüllte Mischgetränke |
8% |
5% |
5% |
3% |
1% |
0% |
1% |
| Anzahl |
416 |
890 |
875 |
723 |
588 |
672 |
243 |
| |
ger. Kons. |
mittl. Kons. |
probl. Kons. |
|
| Bier |
46% |
54% |
58% |
| Wein, Sekt |
35% |
28% |
24% |
| Spirituosen |
6% |
5% |
10% |
| andere Mischgetränke |
6% |
7% |
4% |
| alkoholhältiger Most |
2% |
3% |
2% |
| in Flaschen gefüllte Mischgetränke |
5% |
4% |
4% |
| Anzahl |
1.593 |
807 |
541 |
Quelle: „Repräsentativerhebung 2004“, Uhl et al. (2005); zusätzliche Berechnungen
Kommentar: Die Prozentwerte repräsentieren das Verhältnis der insgesamt in Österreich konsumierten Mengen reinen Alkohols aus den unterschiedlichen Getränkearten – die Spaltensummen betragen daher jeweils 100%.
Literatur:
Uhl, A.; Springer, A.; Kobrna, U.; Gnambs, T.; Pfarrhofer, D. (2005): Österreichweite Repräsentativerhebung zu Substanzgebrauch - Erhebung 2004, Band 1: Forschungsbericht. Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, Wien, <www.api.or.at/lbi/download.htm>
Montgomery, A. (2004): The cooler illusion - slick marketing for wine coolers. Nutrition Action Health Letter, August, 1988 <www.findarticles.com/p/articles/mi_m0813/is_n6_v15/ai_6621656> (Stand 1.3.2007)
Kusserow, R.P. (1991): Youth and Alcohol: A National Survey: Do They Know What They're Drinking? Office of the Inspector General, DHHS Pub. No. OEI-09-91-00653, Washington D.C.
Room, R. (2004): Alcopops. personal communication.
Bundesministerium der Finanzen (2005): Bericht der Bundesregierung über die Auswirkungen des Alkopopsteuergesetzes auf den Alkoholkonsum von Jugendlichen unter 18 Jahren sowie die Marktentwicklung von Alkopops und vergleichbaren Getränken. 13. Juli 2005 III A 2 - V 7103 - 2/05, Berlin
Nordlund, S. (2004): The Influence of EU on the Alcohol Policy in a Non-EU Country. Paper presented in the epidemiology section of the 47th ICAA congress, October 31st - November 5th, Venice, Italy.
Machacek, L. (2008): Mitteilung über IWSR Zahlen für RTD in Österreich. Bacardi-Martini GmbH, Wien
Manner,G (2006): Bacardi Marktbericht 2005. Bacardi-Martini GmbH, Wien
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