![]() Suchtpräventionsdokumentation - Alkohol |
| Zunahme der alkoholbedingten Spitalsaufnahmen von Kindern und Jugendlichen |
Zusammengestellt von
Alfred Uhl, Sonja Bachmayer und Ulrike Kobrna Wie wiederholt betont, sollte die Zahl der Jugendlichen, die angegeben bereits Alkoholräusche erlebt zu haben, sehr vorsichtig interpretiert werden, weil "Rausch" ja alles von minimaler Beeinträchtigung bis zu Vollrausch bedeuten kann, und weil alkoholunerfahrene Personen schon bei relativ geringen Mengen Alkohol deutlich beeinträchtigt sein können. Das Kriterium "Spitalsaufenthalt infolge starker Berauschung" erscheint auf den ersten Blick ein vergleichsweise verlässlicherer Indikator für Alkoholexzesse zu sein, da man ja nur mit einem massiven Rausch in eine Krankenanstalt eingewiesen wird. Wie weiter unten noch ausgeführt wird, ist allerdings auch dieses Kriterium nur mit Vorsicht zu interpretieren, da nicht alle infolge starker Berauschung ins Spital aufgenommenen Personen mit dieser Diagnose dokumentiert wurden bzw. werden. Die oft zitierten Zahlen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz (Müller, 2008) über alkoholrauschbedingte Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen ergeben, dass die Zahl dort von wenigen Fällen 1990 bis 2007 rapide angestiegen ist (von 7 Fällen pro Jahr auf 189 Fälle), wobei die Zahlen zwischen 200 und 2006 in etwa konstant geblieben waren. Die Zahl der männlichen und weiblichen Aufnahmen ist dabei relativ ausgewogen (Abb. 1). Die Zusammenfassung von "Alkoholintoxikation mit Methyalkohol" (ICD10: T51 - alle Unterkategorien). "Alkoholrausch" (ICD10: F10.0) und "schädlichem Alkoholgebrauch" (ICD10: F10.1) erscheint vertretbar. T51 in Verbindung mit anderen Alkoholen als Äthylalkohol kommen nur sehr selten vor und "schädlicher Gebrauch" wird in der Praxis oft fälschlich mit "Gebrauch der die Gesundheit schädigen könnte" und nicht korrekt mit "Gebrauch der bereits eine Gesundheitsschädigung bewirkt hat" gleichgesetzt. In der Kinder- und Jugendheilkunde in Graz erfolgte beginned mit dem Jahr 2006 eine rigorose Verschiebung von F10 Diagnosen zu den in Zusammenhang mit schwerer Berauschung korrekteren T51 Diagnosen. Wieweit die Kodierpraxis in den Spitälern hier korrekt erfolgt, können wir ohne empirische Überprüfung nur mutmaßen. Abb. 1
Abweichungen von den in Abb.1 angegebenen Werten bis 2004 in früheren Veröffentlichungen (die neuen Werte liegen durchschnittlich um 8% höher als die alten), ergeben sich daraus, dass ab dem Jahr 1997 nicht nur die ICD-10-Diagnosen F10.0 und F10.1, sondern auch die ICD-10-Diagnosen T51 (alle Unterkategorien) berücksichtigt wurden. Die Zahlen zwischen zwischen 1990 und 1996, für die keine Ergebnisse nach der neuen Bewertungsmethode vorliegen, wurden einfach proportional hochgerechnet (mit 1,08 multipliziert). Wie man Abb. 2 und Abb. 3 entnehmen kann, zeichnet sich auch bundesweit ein deutlicher Anstieg der rauschbedingten Aufnahmen, sowohl bei bei weiblichen als auch bei männlichen Kindern und Jugendlichen ab. Während es in der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz allerdings von 1990 bis 2007 einen raschen Anstieg auf das 27-fache gab, betrug der Anstieg von 1992 bis 2006 (die Zahlen für 2007 liegen noch nicht vor) bei Burschen bloß das 3-fache und bei Mädchen das 4-fache. Die Erklärung für diese Diskrepanz zwischen
Abb. 1 auf der einen Seite und Abb. 2 sowie Abb. 3 auf der anderen
Seite, liegt auf der Hand. Traditionellerweise gab es in allen Krankenanstalten
wenig Bereitschaft "Alkoholräusche" zu diagnostizieren
und zu dokumentieren; einerseits um den betroffenen Patienten erhebliche
Kosten zu ersparen (die Krankenkasse kann die Kosten bei Krankentransporten
und Behandlungen infolge einer Berauschung im Regressweg zurückfordern)
und andererseits, um zu verhindern, dass notwendige Hilfeleistungen
aus ökonomischen Gründen nicht mehr in Anspruch genommen
werden. Seit das Thema "Jugend und Rausch" im öffentlichen
Diskurs allerdings an Bedeutung gewann, gibt es immer mehr namhafte
Ärzte, die ihre Teams dazu anleiten, Aufnahmen aufgrund von Alkoholintoxikation
auch konsequent als solche auszuweisen. Wo das der Fall ist, wie z.B.
in der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
in Graz, ergibt sich dann plötzlich eine dramatische Zunahme
einschlägiger Diagnosen. Wo das nicht der Fall war blieb die
Diagnose "Alkoholrausch" weiterhin eine Seltenheit - und
im Durchschnitt ergibt das dann zwar eine deutliche aber erheblich
weniger stark ausgeprägte Zunahme der Rauschdiagnosen.
Abb.2 u. Abb.3 Legende: Das Phänomen des zunehmenden Rauschtrinkens bei Jugendlichen in Österreich ist derzeit mangels spezifischer Forschungsergebnisse weder quantitativ gut zu präzisieren noch qualitativ gut bestimmbar. Man kann annehmen, dass die Zunahme des Problems zwar weniger stark ausgefallen ist als die Zahlen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz vermuten lassen, dass aber die Frequenz von Vollräuschen bei Jugendlichen über die letzte Dekade nichts-desto-weniger erheblich zugenommen hat. Für letzteres spricht einerseits die Tendenz zur Akzeleration und andererseits der Umstand, dass sich in Europa die Konsumgewohnheiten der Regionen kontinuierlich angleichen und damit nahe liegt, dass das nordeuropäische exzessive Trinkmuster auch in Österreich zunehmen (Europäische Konvergenz-der Trinkgewohnheiten-Hypothese). Zitierhinweis: Literatur: Uhl, Alfred (2003):
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