Suchtpräventionsdokumentation - Alkohol
-----------------------------------------------------------------------

Jahreszahlen wichtiger alkoholpolitischer Entwicklungen und Dokumente

Text aus:
Uhl, Alfred; Bachmayer, Sonja; Kobrna, Ulrike; Springer, Alfred; Kopf, Nikolaus.; Beiglböck, Wolfgang; Eisenbach-Stangl, Irmgard; Preinsperger, Wolfgang; Musalek, Michael. (2009, in Vorbereitung):
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2009. dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGF, Wien
(Datenstand: 15.4.2009)


1946
definierte die WHO bei ihrer Gründungsversammlung in New York im Rahmen ihrer Verfassung "Gesundheit" als "einen Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und daher weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen" (WHO, 1984). Diese Definition von "Gesundheit" hat drei Novellierungen der WHO-Verfassung (1975, 1977 und 1984) unverändert überstanden und ist damit auch noch heute Grundlage für das Selbstverständnis der WHO (1984).

WHO (1984): The WHO-Constitution. World Health Organisation, Geneva

1975
publizierten eine Reihe international renommierter Alkoholforscher das Buch "Alcohol Control Policies in Public Health Perspective" (Bruun et al., 1975), das sich für die im nordeuropäischen Raum gebräuchliche Alkoholkontrollstrategie einsetzte und in der Folge starken Einfluss auf die alkoholpolitische Linie des Regionalbüros der WHO in Europa ausübte.

Bruun K., Edwards G., Lumio M., Mäkelä K., Pan, L., Popham R.E., Room R., Schmidt W., Skog O.-J., Sulkunen P., Österberg E. (1975) Alcohol Control Policies in Public Health Perspective. Helsinki: The Finnish Foundation for Alcohol Studies

1977
bei der 30. Weltgesundheitsversammlung in Genf, wurde die Entschließung "Gesundheit für Alle bis zum Jahr 2000" angenommen, die besagt, dass das soziale Hauptziel der Regierungen und der WHO in den kommenden Jahrzehnten darin bestehen sollte, dass alle Menschen der Welt bis zum Jahr 2000 ein Gesundheitsniveau erreichen sollten, das es ihnen erlaubt, ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben zu führen (Resolution WHO 30.43, zit. in WHO, 1995).

WHO (1995): Europäische Charta Alkohol. Verabschiedet von der Europäischen Konferenz Gesundheit, Gesellschaft und Alkohol,
Paris, 12. - 14. Dezember 1995, Kopenhagen


1980
einigten sich die Vertreter der Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO in Fez auf eine "Europäische Strategie zur Erreichung des Ziels Gesundheit für Alle" (WHO, 1995).

1984
präzisierte das Regionalbüro der WHO für Europa 38 Ziele zur Erreichung dieses Ziels "Gesundheit für Alle" ("Einzelziele für Gesundheit 2000", WHO, 1985). Das "Ziel 17" dieses Aktionsplanes bezog sich auf eine Verringerung der gesundheitsschädigenden Einflüsse von Alkohol, Tabak und psychoaktiven Substanzen in Europa. Im "Ziel 17" wurde bezüglich Alkohol eine 25-prozentige Reduktion des durchschnittlichen Alkoholkonsums bis zum Jahr 2000 vorgeschlagen, wobei als Vergleichsbasis der Konsum des Jahres 1980 herangezogen wurde (Harkin et al., 1995).

WHO (1985): Einzelziele für "Gesundheit 2000". Regionalbüro für Europa, Kopenhagen
Harkin, A.M.; Anderson, P.; Lehto, J. (1995): Alcohol in Europe - A Health Perspective. WHO Regional Office for Europe, Copenhagen

1986
wurde bei der "Ersten Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung" in Ottawa die so genannte "Ottawa Charta" verabschiedet, die "Gesundheitsförderung" als einen Prozess definiert, der Menschen dazu in die Lage versetzen soll, mehr Einfluss auf ihren Gesundheitszustand zu entwickeln und ihre Gesundheit aktiv zu verbessern. Als explizites Ziel wird dabei "ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" definiert, was dadurch erreicht werden soll, dass Individuen und Gruppen unterstützt werden, eigene Wünsche wahrzunehmen und zu realisieren, Bedürfnisse zu befriedigen, sowie die Umgebung zu verändern oder sich an diese anzupassen (WHO, 1986)

WHO (1986): Ottawa Charta, Geneva

1987
entstand die Kettil Bruun Society for Social and Epidemiological Research on Alcohol, der viele international renommierte Alkoholepidemiologen angehören, die seit damals starken Einfluss auf die alkoholpolitische Diskussion in Europa und darüber hinaus ausüben.

1990
wurde EUROCARE gegründet, eine EU-umspannende Allianz aus ehrenamtlichen Nichtregierungsorganisation (NGOs), die seit damals versucht als Pressure Group für die europaweite Umsetzung von alkoholpolitischen Kontrollmaßnahmen zu arbeiten.

1991
bei der 41. Sitzung des Regionalkomitees der WHO für Europa in Lissabon bestätigten die Delegierten das "Ziel 17" des "Gesundheit für Alle-Aktionsplans" und beschlossen ferner, dass Alkoholkonsum ein Problem mit ganz hoher Priorität darstelle. Dabei wurde auch eine 25-prozentige Reduktion des durchschnittlichen Alkoholkonsums bis zum Jahr 2000 vorgeschlagen, weil man davon ausging, dass so indirekt auch eine signifikante Reduktion des gesundheitsschädigenden Alkoholkonsum erzielt werden könne (WHO, 1993c).

WHO (1993c): Europäischer Aktionsplan Alkohol. Conrad, Verlag für Gesundheitsförderung, Gamburg

1992
bei der 42. Sitzung des Regionalkomitees der WHO für Europa in Kopenhagen legte das Regionalbüro den ersten "Europäischen Alkohol Aktionsplan" (EAAP-1) vor, der von den Delegierten beschlossen wurde (WHO, 1993b, 1993c)

WHO (1993b): European Alcohol Action Plan. Document: EUR/ICP/ADA 035, Copenhagen
WHO (1993c): Europäischer Aktionsplan Alkohol. Conrad, Verlag für Gesundheitsförderung, Gamburg


1994
publizierte eine Reihe international renommierter Alkoholforscher (Edwards et al., 1994) das Buch "Alcohol Policy and the Public Good", als Aktualisierung des 1975 veröffentlichen Buchs "Alcohol Control Policies in Public Health Perspective", das wie das Vorgängerbuch starken Einfluss auf die alkoholpolitische Linie des Regionalbüros der WHO in Europa ausübte - und auch in deutscher Übersetzung verfügbar ist (Edwards, 1997).

Edwards, G. (Hrsg.) (1997): Alkoholkonsum und Gemeinwohl. Enke, Stuttgart
Edwards, G.; Anderson, P.; Babor, T.F.; Casswell, S.; Ferrence, R.; Giesbrecht N.; Godfrey, C.; Holder, D.H.; Lemmens, P.; Mäkelä, K.; Midanik, L.T.; Norström, T.; Österberg, E.; Romelsjö, A.; Room, R.; Simpura, J.; Skog, O.J. (1994): Alcohol Policy and the Public Good. Oxford University Press, Oxford


1995
bei der ersten Europäischen Konferenz der WHO in Paris, die unter dem Motto "Gesundheit, Gesellschaft und Alkohol" stand, wurde die "Europäische Charta Alkohol" beschlossen.
Diese legt unter anderem "ethische Prinzipien zum Umgang mit Alkohol" und "zehn Strategien für alkoholbezogene Maßnahmen" fest und wurde von Österreich mitbeschlossen (WHO, 1995).

WHO (1995): Europäische Charta Alkohol. Verabschiedet von der Europäischen Konferenz Gesundheit,
Gesellschaft und Alkohol Paris, 12. - 14. Dezember 1995, Kopenhagen


1998
Im Mai 1998 nahm die 51. Weltgesundheitsversammlung der WHO eine Neufassung des Ziels "Gesundheit 2000" an. Die neugefasste Deklaration, unter dem Namen "Gesundheit 21 - Gesundheit für Alle im 21. Jahrhundert", liegt damit zur Umsetzung in den einzelnen Mitgliedsländern vor (WHO, 1998).

WHO (1998): Health21 - Health for All in the 21st Century. European Health for All Series No. 5, Copenhagen

1998
führte die WHO eine Evaluation des ersten Europäischen Alkohol Aktionsplans durch und stellte beim vierten Treffen der nationalen Counterparts für den Europäischen Alkohol Aktionsplan im Oktober 1998 in Madrid einen Entwurf des zweiten Europäischen Alkohol Aktionsplans vor. Bei dieser Tagung wurde in Reaktion auf Diskussionsbeiträge der Teilnehmer die allgemeine Orientierung dahingehend verändert, dass der Schwerpunkt weg von einer Reduktion jeglichen Alkoholkonsums um 25% auf eine signifikante, quantitativ nicht bestimmte Reduktion des problematischen Alkoholkonsums gelegt wurde.

1999
wurde in Florenz vom Regionalkomitee der WHO der zweite "Europäische Alkohol Aktionsplan (EAAP 2), 2000 - 2005" beschlossen. Das Ziel des EAAP-2 ist vor allem die Implementierung einer geeigneten Gesundheitspolitik in den Mitgliedstaaten in Hinblick auf Schadensminderung, Reduzierung des Risikos, das mit Alkohol vor allem am Arbeitsplatz und in anderen Settings verbunden ist, Reduktion der Folgeschäden, die durch Alkohol verursacht werden (Unfälle, Gewalt, Kindesmissbrauch und -vernachlässigung, Familienprobleme etc.), effiziente therapeutische Versorgung und verbesserten Schutz von Kindern und Jugendlichen. Letzterem sollte durch die Verabschiedung einer Deklaration zum Thema "Jugend und Alkohol" bei der Ministerkonferenz in Stockholm entschiedener Nachdruck verliehen werden. Für die Umsetzung der anderen Ziele wurden entsprechende Maßnahmen und Evaluationskriterien definiert.

WHO (1999a): Europäischer Aktionsplan Alkohol 2000-2005., Kopenhagen

2001
wurde in Stockholm in Nachfolge der Konferenz von Paris die zweite europäische Ministerkonferenz betreffend Alkohol abgehalten. Arbeitsschwerpunkt der Konferenz war das Thema "Jugend und Alkohol". Die im Rahmen dieser Ministerkonferenz verabschiedete Deklaration fordert ein Bündel von wirkungsvollen alkoholpolitischen Maßnahmen in vier großen Bereichen:

---> Schutz von Kindern und Heranwachsenden vor Alkoholwerbung und Sponsoring bzw. die Steuerung des Zugangs zu Alkohol durch ein festzulegendes Mindestalter und andere wirtschaftliche Maßnahmen, wie etwa die Preisgestaltung;

---> Aufklärung im Rahmen von Gesundheitsförderungsprogrammen, die auch Alkoholfragen in Settings wie Bildungseinrichtungen, Jugendorganisationen, Arbeitsplätzen und Gemeindeeinrichtungen behandeln sollen, wobei dabei durchaus auch das Erwerben von "Life Skills" in den Bereich "Aufklärung" fällt;

---> Schaffung eines stützenden Umfelds als Voraussetzung dafür, dass Alternativen zur Trinkkultur entwickelt werden können;

---> Schadensminderung durch Training von Gastgewerbepersonal, Promillegrenzen und Strafen für Fahren unter Alkoholeinfluss sowie geeignete Therapieprogramme für Jugendliche mit Alkoholproblemen.

2001
wurde ein weiteres relevantes Dokument veröffentlicht, nämlich die "Empfehlung des Rates vom 5. Juni 2001 zum Alkoholkonsum von jungen Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen". Besonderer Wert wird dabei darauf gelegt, dass die Maßnahmen durch die Entwicklung eines umfassenden Ansatzes - nicht unbedingt nur auf Alkohol beschränkt - gemeinsam mit jungen Menschen umgesetzt und evaluiert werden.

2003
publizierte eine Reihe international renommierter Alkoholforscher (Babor et al. 2003) das Buch "Alcohol: No Ordinary Commodity - Research and Public Policy", als Aktualisierung des 1975 veröffentlichen Buchs "Alcohol Policy and the Public Good", das wie das Vorgängerbuch starken Einfluss auf die alkoholpolitische Linie des Regionalbüros der WHO in Europa und nunmehr auch auf die Europäische Kommission ausübt. Dieser Buch ist auch in deutscher Übersetzung verfügbar (Babor et al., 2003). Wie die Vorgängerbücher argumentiert diese Publikation unter Bezugnahme auf Forschungsergebnisse, dass man im Sinne einer "evidenzbasierten Alkoholpolitik" primär auf Alkoholkontrollmaßnahmen setzen sollte - da nur diese effektiv und kostenwirksam seien. Inwieweit eine Alkoholpolitik evidenzbasiert - im eigentlichen Sinne des Wortes - sein kann und wieweit ethische Grundhaltungen die zentralen Positionen prägen, diskutiert Uhl (2007a).

Babor, T.; Caetano R.; Casswell, S.; Edwards, G.; Giesbrecht, N.; Graham, K.; Grube, J.; Gruenewald, P.; Hill, L.; Holder, H.; Homel, R.; Österberg, E.; Rehm, J.; Room, R.; Rossow, I. (2003): Alcohol: No Ordinary Commodity - Research and Public Policy. Oxford University Press, New York

Uhl, A. (2007a): How to Camouflage Ethical Questions in Addiction Research. in: Fountain, J.; Korf, D.: The Social Meaning of Drugs - Research from Europe. Radcliffe, Oxford

2006
billigte das WHO-Regionalkomitee für Europa in Bukarest das Dokument "Handlungsrahmen für eine Alkoholpolitik"
(WHO, 2006), das als Nachfolgerdokument des zweiten "Europäischen Alkohol Aktionsplans" gilt, das die von Babor et al. (2003) vertretene Forderung nach effektiven und kostenwirksamen Maßnahmen - im Sinne von Alkoholkontrollmaßnahmen die auf Beschränkungen der Alkoholversorgung und -verfügbarkeit zielen - beinhaltet.

WHO (2006): Handlungsrahmen für eine Alkoholpolitik in der Europäischen Region der WHO. World Health Organisation, Kopenhagen

2006
publizierten Anderson & Baumberg im Rahmen des EU-Projektes "Bridging the Gap" das Buch "Alcohol in Europe: A Public Health Perspective", das ähnliche Alkoholkontrollpositionen wie Babor et al. (2003) vertritt und von der Europäischen Kommission als Grundlage für eine geplante Mitteilung an den Rat unter dem Titel "Eine EU-Strategie zur Unterstützung der Mitgliedstaaten bei der Verringerung alkoholbedingter Schäden" in Auftrag gegeben wurde.
2006 erfolgte die Finalisierung und Veröffentlichung der erwähnten "Eine EU-Strategie zur Unterstützung der Mitgliedstaaten bei der Verringerung alkoholbedingter Schäden". Im Gegensatz zu den Forderungen von Babor et al. (2003) sowie Anderson & Baumberg (2006) vertritt diese EU-Strategie keine erklärte Alkoholkontrollpolitik sondern eine moderate Mittelposition im Sinne eines Interessensausgleichs zwischen allen betroffenen Interessensgruppen. Es wird explizit betont, dass die geplanten Maßnahmen nicht auf den Alkoholkonsum generell, sondern nur auf den exzessiven Alkoholkonsum zielen (problemfokussierender Ansatz) und dass nicht daran gedacht ist die Subsidiarität der EU-Mitgliedstaaten in Gesundheitsfragen zu beschränken.

Anderson, P.; Baumberg, B. (2006): Alcohol in Europe: A Public Health Perspective. Institute of Alcohol Studies, London


weiterführende Links:
Zentrale Textstellen aus den oben erwähnten Dokumenten
zum Download alkoholpolitischer Dokumente (Alcohol Policy 1946-2007)




zurück zur Übersicht Suchtpräventionsdokumentation Alkohol