Uhl, A.; Bachmayer, S.; Kobrna, U.; Puhm, A.; Springer, A.; Kopf, N.; Beiglböck, W.; Eisenbach-Stangl, I.; Preinsperger, W.; Musalek, M. (2009):
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2009. dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGFJ, Wien
Der in der Literatur unübliche Begriff "Gesamtlebenszeitprävalenz"
wurde von uns gewählt, um eine klare Abgrenzung zur gebräuchlichen
Interpretation von "Lebenszeitprävalenz" als "Auftrittsrate
im bisherigen Leben der Zielpersonen" (d.h. von der Geburt bis
zum Erhebungszeitpunkt) durchzuführen. Die Gesamtlebenszeitprävalenz
im von uns vorgesehenen Sinne ist die geschätzte Auftrittsrate
eines Phänomens von der Geburt bis zum Tod eines Menschen.
Durchschnittlich erkranken männliche Alkoholiker nach dem 26.
Lebensjahr und weibliche nach dem 34. Lebensjahr an Alkoholismus (Uhl,
1994).
Nach Bühringer et al. (2000) ist die Lebenserwartung von Alkoholikerinnen
um durchschnittliche 20 Jahre und von Alkoholikern um durchschnittliche
17 Jahre reduziert.
Aus dem Umstand, dass Alkoholiker durchschnittlich erst Jahre nach
dem 15. Geburtstag an Alkoholismus erkranken und um viele Jahre früher
sterben als Nicht-Alkoholiker, ergibt sich, dass die Gesamtlebenszeitprävalenz
(die Zahl jener Personen, die die Krankheit im Laufe ihres Lebens
durchmachen) erheblich höher sein muss als die Alkoholismusprävalenz
(Zahl der Alkoholiker im Querschnitt unter den Ab-15 Jährigen).
Geht man bei Männern von einer durchschnittlichen Lebenserwartung
von 75 Jahren aus und nimmt man an, dass männliche Alkoholiker
durchschnittlich mit 26 Jahren beginnen pathologisch zu trinken sowie
um 17 Jahre früher sterben, so ergibt sich, dass die Gesamtlebenszeitprävalenz
1,87-mal (*)so hoch ist wie die Prävalenz im Querschnitt. 7,5%
Prävalenz bedeuten demnach, dass - gleich bleibende Bedingungen
vorausgesetzt - rund 14% der männlichen Österreicher im
Laufe ihres Lebens an chronischem Alkoholismus erkranken werden. (siehe
Tab.1)
Geht man bei Frauen von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von
81 Jahren aus und nimmt man an, dass weibliche Alkoholiker durchschnittlich
mit 34 Jahren beginnen pathologisch zu trinken sowie um 20 Jahre früher
sterben, so ergibt sich, dass die Gesamtlebenszeitprävalenz 2,44-mal
(**)so hoch ist wie die Prävalenz im Querschnitt. 2,5% Prävalenz
bedeuten demnach, dass - gleich bleibende Bedingungen vorausgesetzt
- rund 6% der österreichischen Frauen im Laufe ihres Lebens an
chronischem Alkoholismus erkranken werden. (siehe Tab.1)
Da das Verhältnis der männlichen und weiblichen Geburten
annähernd ausgewogen ist, bedeuten 14% Gesamtlebenszeitprävalenz
bei Männern und 6% bei Frauen, dass die Gesamtlebenszeitprävalenz
für die Bevölkerung 10% beträgt. 5% Prävalenz
im Querschnitt der Gesamtbevölkerung ab 15 Jahren bedeuten demnach,
dass - gleich bleibende Bedingungen vorausgesetzt - rund 10% der Österreicher
im Laufe ihres Lebens an chronischem Alkoholismus erkranken werden
(siehe Tab.1).
Konstante Bedingungen vorausgesetzt, kann man aus der Gesamtlebenszeitprävalenz
des Alkoholismus unmittelbare Rückschlüsse auf den Anteil
der Alkoholiker unter den Verstorbenen ziehen. Betrachtet man zum
Zeitpunkt des Todes abstinente Alkoholiker, in Übereinstimmung
mit der herrschenden Auffassung, als Alkoholiker , so muss der Prozentsatz
der Alkoholiker unter den Verstorbenen der Gesamtlebenszeitprävalenz
des Alkoholismus entsprechen.
Tab.1:
|
Männer |
Frauen |
Männer und Frauen |
Prävalenz
(Zahl der Alkoholiker
im Querschnitt)
|
7,5%
der Jugendlichen und Erwachsenen
ab dem 15. Geburtstag
ca. 255.000 Personen
|
2,5%
der Jugendlichen und Erwachsenen
ab dem 15. Geburtstag
ca. 85.000 Personen
|
5%
der Jugendlichen und Erwachsenen
ab dem 15. Geburtstag
ca. 340.000 Personen |
Gesamtlebenszeitprävalenz
(Zahl jener, die
die Krankheit im Laufe ihres Lebens durchmachen)
|
14%
der Geborenen
|
6%
der Geborenen
|
10%
der Geborenen |
Inzidenz
(Neuerkrankungsrate
an chronischem Alkoholismus pro Jahr)
|
0.19%
der männl. Bevölkerung
ca. 7.500 Personen
|
0.07%
der weibl. Bevölkerung
ca. 2.500 Personen
|
0.13%
der Bevölkerung
ca. 10.000 Personen |
(*) (75-15) : ((75-17)-26) = 1,88
(**) (81-15) : ((81-20)-34) = 2,44
Literatur:
Uhl, A. (1994): Die Anstalt und ihre Patienten unter besonderer
Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. In:
Springer, A.; Feselmayer, S.; Burian, W.; Eisenbach-Stangl, I.; Lentner,
S.; Marx, R. (Hrsg.): Suchtkrankheit - Das Kalksburger Modell und
die Entwicklung der Behandlung Abhängiger, Springer, Wien
Bühringer, G.; Augustin, R.; Bergmann, E.; Bloomfield, K.; Funk,
W.; Junge, B.; Kraus, L.; Merfert-Diete, C.; Rumpf, H.J.; Simon, R.;
Töppich J. (2000): Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen
in Deutschland. Nomos, Baden-Baden
Uhl, A.; Springer, A.; Kobrna, U.; Gnambs, T.; Pfarrhofer, D. (2005b):
Österreichweite Repräsentativerhebung zu Substanzgebrauch
- Erhebung 2004, Band 1: Forschungsbericht. Bundesministerium für
Gesundheit und Frauen, Wien, < download.htm>
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