Suchtpräventionsdokumentation - Alkohol
-----------------------------------------------------------------------

Der Kater nach Alkoholkonsum

Uhl, A.; Bachmayer, S.; Kobrna, U.; Puhm, A.; Springer, A.; Kopf, N.; Beiglböck, W.; Eisenbach-Stangl, I.; Preinsperger, W.; Musalek, M. (2009): 
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2009. dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGFJ, Wien


Das Kapitel basiert primär auf Swift & Davidson (1998) sowie Haas et al. (2006b).

Als "Kater" (Englisch: Hangover) wird ein Symptomkomplex bezeichnet, der Folge einer akuten Alkoholvergiftung ist und eine hohe Prävalenz aufweist. Der Begriff Kater stellt die Verballhornung des griechischen Wortes katarhein (= herunter fließen) dar. Der wissenschaftliche Begriff für Kater - Veisalgie - leitet sich von dem norwegischen Wort kveis (="Unwohlsein als Folge einer Ausschweifung oder Prasserei") und dem griechischen Wortstamm algia (Schmerz) ab (Haas et al., 2006b).

Swift & Davidson (1998) fassen basierend auf die Literatur zusammen, dass etwa 75% der nicht abstinent lebenden Menschen mindestens einmal in ihrem Leben einen Kater gehabt haben und dass bei einer Aufnahme von 1,5g Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht bei mindestens der Hälfte der Personen Katersymptome auftreten. Hinsichtlich der Frage, ob Alkoholiker beim Konsum vergleichbarer Alkoholmengen infolge von Toleranzentwicklung und genetischen Faktoren seltener Katersymptome erleben oder ob das Gegenteil der Fall ist, stellen die Autoren fest, dass sich das anhand der Literatur derzeit nicht eindeutig klären lasse. Die Befunde, die letztere Position bekräftigen sind allerdings als eher fragwürdig zu qualifizieren.

Swift & Davidson teilen Katersymptome in 8 Kategorien ein:

- körperliche Verfassung (Müdigkeit, Schwächegefühl und Durst)
- Schmerzen (Kopfschmerz und Muskelschmerzen)
- gastrointestinale Symptome (Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen)
- Schlaf und Biorhythmus (verkürzte Schlafdauer, weniger REM-Schlaf, weniger Delta-Wellen-Schlaf)
- sensorische Symptome (Schwindel, Licht- und Geräuschempfindlichkeit)
- kognitive Beeinträchtigung (Verringerte Aufmerksamkeit und Konzentration)
- Befindlichkeit (depressive Verstimmung, Ängstlichkeit, Irritabilität)
- vegetativ-sympathische Überaktivität (Tremor, Schwitzen, erhöhter Puls, erhöhter systolischer Blutdruck)

Slutske et al. (2003) entwickelten einen Kater-Symptom-Fragebogen und identifizierten faktorenanalytisch 13 Katersymptome: Die sind in der Reihenfolge ihres Auftretens

- Durstgefühl/Dehydrierung
- überdurchschnittliche Müdigkeit
- Kopfschmerzen
- Übelkeit
- Erbrechen
- Schwächegefühl
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
- vermehrte Schweißneigung", "Schlafprobleme
- Ängstlichkeit
- depressive Verstimmung
- Zittern (Tremor)

Haas et al. (2006b) erwähnen darüber hinaus noch "Reizbarkeit", "Durchfall" sowie "gerötete und trockene Augen" als Katersymptome.

Katersymptome treten typischerweise erst Stunden nach Beendigung des Alkoholkonsums auf, erreichen in der Regel den Höhepunkt, wenn der Alkohol bereits vollständig abgebaut ist und können bis 24 Stunden danach anhalten. Katersymptome ähneln denen eines leichten Alkoholentzugs, die Mechanismen dahinter unterscheiden sich allerdings erheblich. Die Wahrscheinlichkeit für einen Kater nimmt mit der Menge des konsumierten Alkohols zu, mitunter wird ein Kater aber schon nach sehr geringen Alkoholmengen berichtet (Swift & Davidson, 1998).

Es gibt eine Reihe von physiologischen Mechanismen, die für die Entstehung des Katers verantwortlich gemacht werden. Swift & Davidson (1998) zählen die folgenden auf:

Flüssigkeitsverlust und Entgleisung des Elektrolythaushalts:

Alkohol hemmt die Produktion des antidiuretischen Hormons (ADH, Vasopressin) was zu Flüssigkeitsverlust führt, der sich in Durstgefühl, trockenen Schleimhäuten, Schwächegefühl, Schwindel, Benommenheit manifestiert. Durch Schwitzen, Erbrechen und Durchfall wird dieser Flüssigkeitsverlust noch verstärkt - und zusätzlich eine Entgleisung des Elektrolythaushalts begünstigt. Da sich bis dato empirisch keine Elektrolytveränderungen in Zusammenhang mit Kater nachweisen ließen, gilt es laut Haas et al. (2006b) als fraglich, ob Elektrolytveränderungen im Blut eine wesentliche Rolle in Zusammenhang mit der Entstehung des Katers zukommt.

Gastrointestinale Probleme:

Alkoholkonsum irritiert Magen- und Darmscheimhaut und führt dadurch zu akuten Entzündungen. Direkt auf die Magenschleimhaut aufgetragene Alkohollösungen bewirken eine bis zu 24 Stunden nachweisbare Schleimhautrötung und ein Schleimhautödem (Knoll et al., 1998). Die akute Magenreizung und Entzündung trägt zu Übelkeit und Erbrechen bei. Die oft vertretene Ansicht, dass alkoholische Getränke die Magensäuresekretion erhöhen und so ebenfalls Entzündungen begünstigen, ist nach Teyssen et. al. (1999) in dieser Formulierung nicht korrekt - weil nicht der Alkohol sondern die beim Gärungsprozess entstehende Bernsteinsäure und Maleinsäure, die zwar in Bier und Wein aber nicht in Destillaten vorhanden sind, die Magensäuresekretion verstärken. Der in Zusammenhang mit Kater ebenfalls verstärkt auftretende Durchfall beruht vermutlich auf einer alkoholbedingten verstärkten Darmperistaltik in Verbindung mit verringerter Wasserrückresorption (Haas et al., 2006b).

Gefäßverengende Wirkung von Ethanol auf die Hirnarterie:

Die gefäßverengende Wirkung von Ethylalkohol kann bei manchen Menschen ebenfalls Kopfschmerzen begünstigen (Haas et al., 2006).

Acetaldehyd:
Acetaldehyd ist das erste Abbauprodukt von Ethylalkohol das in einem weiteren Schritt zu Essigsäure abgebaut wird. Acetaldehyd wird für eine Reihe von alkoholbedingten Organschädigungen und Tumorbildungen verantwortlich gemacht wird (vgl. Alkoholabbau). Eine Akkumulation von Acetaldehyd durch Hemmung des Acetaldehydabbaus führt zu Kopfschmerz, beschleunigtem Pulsschlag, Herzrasen, Übelkeit und Erbrechen und tritt bei genetisch bedingter Alkoholunverträglichkeit nach Alkoholkonsum regelmäßig auf Haas et al. (2006).

Methanol und Fuselstoffe:
Alkoholische Getränke enthalten neben Ethylalkohol auch den weit giftigeren Methylalkohol, der zu Formaldehyd und danach in Ameisensäure metabolisiert wird sowie Fuselalkohole. Dafür, dass Methylalkohol beim Zustandekommen eines Katers eine weit wichtigere Rolle als dem Ethylalkohol zukommt, spricht, dass der Methanolspiegel signifikant mit der Schwere von Katersymptomen korreliert, dass Kater primär auftreten, wenn der Ethylalkohol bereits weitgehend abgebaut ist und damit der Methylalkoholabbau einsetzt (Methylalkohol wird erst abgebaut, wenn der Ethylalkohol bereits metabolisiert ist) und dass man Katersymptome durch Zufuhr von Ethylalkohol mindern kann (Swift & Davidson, 1998). Das alles spricht dafür, dass der Konsum billiger alkoholhältiger Getränke mit einem höheren Methylalkohol und Fuselalkoholanteil eher zum Kater führt als der Konsum von Qualitätsprodukten.

Tyramin bzw. phenolische Verbindungen:
Bei prädisponierten Personen können aber auch andere Begleitstoffe wie Tyramin bzw. phenolische Verbindungen in Rotwein zu einer Histaminfreisetzung und Gefäßerweiterung im Gehirn führen, wodurch in diesem Fall schon geringe Alkoholmengen Kopfschmerz auslösen können (Haas et al., 2006b).

Müdigkeit:
Die Müdigkeit als Folge erhöhten Alkoholkonsums ist zum einen darauf zurückzuführen, dass größere Alkoholmengen meist zu Zeiten konsumiert werden, zu denen normalerweise geschlafen wird. Abgesehen davon reduziert Alkohol die Schlafqualität. Indem er auf die Neurotransmitter GABA ( -Aminobuttersäure) und Glutamat (auf GABA agonistisch, auf Glutamat antagonistisch) wirkt, beruhigt Alkohol und macht müde. Die Einschlafzeit verkürzt sich dadurch zumeist. In der ersten Schlafhälfte treten REM Phasen (Traumphasen) vermindert auf. In der zweiten Schlafhälfte kommt es vermehrt zu Wachphasen und verminderten Tiefschlafphasen, worunter die Schlafqualität leidet (Haas et al., 2006b).

Genetische Faktoren:
Nicht nur, wenn es um den Alkoholabbau geht, sondern auch in Zusammenhang mit einer Reihe anderer Faktoren erweist sich immer deutlicher, dass auch genetische Faktoren einen deutlichen Einfluss darauf haben, ob Personen unter vergleichbaren Trinkbedingungen Katersymptome entwickeln.

Einem Kater kann man nach dem bisher Gesagten am besten vorbeugen:
- Indem man geringere Mengen Alkohol trinkt,
- indem man qualitativ hochwertigere alkoholische Getränke (Produkte mit weniger Begleitstoffen wie Methanol oder Fuselstoffe) wählt,
- indem man zusätzlich auch Speisen zu sich nimmt, was einerseits einen gewissen Schutz vor Reizungen oder Entzündungen der

Magenschleimhaut durch Alkohol bietet und andererseits das Anfluten des Alkoholspiegels verzögert,
- indem man zwischen alkoholischen Getränken regelmäßig nicht-alkoholhältige Flüssigkeiten zu sich nimmt, um so den Wasserverlust auszugleichen und
- indem man den Alkoholkonsum über einen längeren Zeitraum hinweg ausdehnt, und so keinen sehr hohen Alkoholspiegel erzielt.

Für prädisponierte Personen, die empfindlich auf andere Inhaltsstoffe als Alkohol (z.B. Phenole im Rotwein) reagieren oder auf die Kombination Alkohol plus Zigaretten, oder auf zu wenig Schlaf etc., sind individuell an sie angepasste Strategien zweckmäßig.
Der Alkoholabbau lässt sich nicht relevant beschleunigen, aber da am Höhepunkt des Katers die Blutalkoholkonzentration ohnehin bereits nahe Null ist, ist diese Erkenntnis in Zusammenhang mit dem Kater ohne Relevanz. Es kursieren in der Bevölkerung zahlreiche, oft länderspezifisch recht unterschiedliche und teilweise sehr skurril anmutende Tipps zur Behandlung von manifesten Katersymptomen. Dazu gibt es aber nur wenig wissenschaftlich fundierte Ergebnisse. Außer Frage steht, dass Maßnahmen, die konkrete Ursachen für Katersymptome gezielt bekämpfen, wie die Zufuhr von Flüssigkeit bei Dehydrierung, die Wiederherstellung des Normalzustandes beschleunigen können.


Literatur:
Swift, R.; Davidson, D. (1998): Alcohol Hangover: Mechanism and Mediators. Alcohol Health Research World, 22, 54-60

Haas, St. L.; Feick, P.; Singer, M.V. (2006b): Katersymptome nach Alkoholkonsum: Epidemiologie, Risikofaktoren und Pathophysiologie. Sucht, 52, 5, 317-326

Slutske, W.S., Piasecki, T.M., & Hunt-Carter, E.E. (2003): Development and initial validation of the Hangover Symptoms Scale: Prevalence and correlates of hangover symptoms in college students. Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 27, 1442-1450

Knoll, M. R., Kölbel, C. B., Teyssen, S.; Singer, M. V. (1998): Action of pure ethanol and some alcoholic beverages on the gastric mucosa in healthy humans: a descriptive endoscopic study. Endoscopy 30, 33, 293-301


weiterführende Informationen


zurück zur Übersicht Suchtpräventionsdokumentation Alkohol