Suchtpräventionsdokumentation - Alkohol
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Selbstmordrisiko

Text aus:
Uhl, A.; Bachmayer, S.; Kobrna, U.; Puhm, A.; Springer, A.; Kopf, N.; Beiglböck, W.; Eisenbach-Stangl, I.; Preinsperger, W.; Musalek, M. (2009): 
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends 2009.
dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGFJ, Wien


In einer großangelegten Metaanalyse basierend auf 249 Studien über Selbstmord in Risikopopulationen, von denen sich 32 auf die Suizidrate bei Alkoholismus bezogen, errechneten Harris & Barraclough (1997), dass die Selbstmordwahrscheinlichkeit unter Alkoholikern im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung um das 6-fache erhöht ist. Die Selbstmordrate in der österreichischen Gesamtbevölkerung beläuft sich aktuell auf 1,9% der Verstorbenen. Geht man davon aus, dass die von Harris & Barraclough ausgewiesene Selbstmordrate unter Alkoholikern zutrifft, so bedeutet das, dass rund 11,4% der Alkoholiker durch Selbstmord enden. Geht man ferner von einer Alkoholismus-Gesamtlebenszeitprävalenz von 10% aus, woraus sich zwangsläufig ergibt, dass 10% der Todesfälle Alkoholiker sind, folgt, dass die Selbstmordrate unter Nichtalkoholikern bloß 0,84% beträgt. Das bedeutet, dass sich unter 1.000 gestorbenen Alkoholikern durchschnittlich rund 114 Selbstmörder finden, während von 1.000 gestorbenen Nichtalkoholikern durchschnittlich nur geschätzte 8,4 Personen Selbstmord verübt haben, oder anders ausgedrückt, dass die Selbstmordrate bei Alkoholikern um das 13,6-fache höher ist als bei Nichtalkoholikern und dass 60% der Selbstmorde auf das Konto von Alkoholkranken gehen.
Hall (1999) fand bei Personen nach Selbstmordversuchen in der Intensivstation bei 68% der Fälle Hinweise auf Substanzmissbrauch.
Sonneck (2000) schätzt die Zahl der Substanzabhängigen ("Alkohol-, Medikamenten- und/oder Drogenabhängige") unter den Selbstmördern mit rund einem Drittel, wobei man anmerken muss, dass in Österreich der überwiegende Teil der Substanzabhängigen ausschließlich oder unter anderem von Alkohol abhängig ist.
Der Anteil der Alkoholiker unter Selbstmördern wurde von Roy (1995) aufbauend auf 5 Studien aus den USA, Großbritannien, Schweden und Australien auf 20% geschätzt. Diese Schätzung baut darauf auf, dass in den erwähnten Studien zwischen 17% und 27% der Selbstmörder zuvor mit der Primärdiagnose "Alkoholismus" diagnostiziert worden waren. Bedenkt man, dass "Alkoholismus" oft bloß als Sekundärdiagnose neben anderen gravierenden Gesundheitsproblemen aufscheint oder gar nicht diagnostiziert wird, so ist eine deutlich höhere Alkoholikerrate unter Selbstmördern sehr plausibel.
Angesichts großer Mess- und Schätzprobleme in Zusammenhang mit Selbstmord und Alkoholismus kann man den Anteil der Alkoholiker unter Selbstmördern ganz grob zwischen 1/3 und 2/3 ansetzen.
Um Fehlinterpretationen vorzubeugen, muss hier allerdings auch betont werden, dass man Selbstmorde bei Süchtigen natürlich nicht gänzlich auf das Konto der Suchtproblematik verbuchen darf. Man muss einerseits bedenken, dass ja auch Nicht-Abhängige Selbstmorde begehen, und dass andererseits viele Personen, die infolge medizinischer, psychischer und/oder sozialer Probleme besonders suchtgefährdet sind, bereits vor Beginn ihrer Suchtproblematik ein stark erhöhtes Selbstmordrisiko aufwiesen. Darüber, wie viele der Alkoholkranken, die jährlich durch Selbstmord sterben, auch dann durch Selbstmord enden würden, wenn man ihnen jeglichen Alkohol kategorisch vorenthielte, kann man nur spekulieren.


Literatur:

Harris, E.C.; Barraclough, B. (1997): Suicide as an outcome for mental disorders. British Journal of Psychiatry, 170, 205-228

Hall, R.C.W. (1999): Suicide Risk Assessment: A Review of Risk Factors for Suicide in 100 Patients who Made Severe Suicide Attempts - Evaluation of Suicide Risk in a Time of Managed Care. Psychosomatics, 40, 1

Sonneck, G. (Hrsg.) (2000): Suizidprävention in Österreich. Kriseninterventionszentrum Wien, Wien

Roy, A. (1995): Psychiatric Emergencies. in: Kaplan, H.I.; Sadock B.J. (eds.): Comprehensive Textbook of Psychiatry, 6th ed.. William and Wilkins, Baltimore


weiterführende Informationen

Tabellen:
Alkoholbedingte Todesursachen und Selbstmorde (Männer / 100 000 Gestorbene) (1955-2004) (aktualisiert > 22.04.2008)
Alkoholbedingte Todesursachen und Selbstmorde (Frauen / 100 000 Gestorbene) (1955-2004) (aktualisiert > 22.04.2008)
Alkoholbedingte Todesursachen und Selbstmorde (Männer und Frauen / 100 000 Gestorbene) (1955-2004) (aktualisiert > 22.04.2008)
Todesursache Leberzirrhose in Österreich - an „Leberzirrhose“ Gestorbene auf 100.000 Lebende (1960-2004) (aktualisiert > 22.04.2008)