Text aus:
Uhl, Alfred; Bachmayer, Sonja; Kobrna, Ulrike; Springer, Alfred; Kopf,
Nikolaus.; Beiglböck, Wolfgang; Eisenbach-Stangl, Irmgard; Preinsperger,
Wolfgang; Musalek, Michael. (2009, in Vorbereitung):
Handbuch: Alkohol - Österreich: Zahlen, Daten, Fakten, Trends
2009. dritte überarbeitete und ergänzte Auflage. BMGF,
Wien
(Datenstand: 15.4.2009)
Die frühesten, in der aktuellen Literatur zu diesem Thema
immer wieder erwähnten, mit empirischen Resultaten begründeten
Grenzmengen - jene von Péquignot (1961) - werden heute
generell als viel zu hoch erachtet: Péquignot hatte die
"Harmlosigkeitsgrenze" bei 80 Gramm und die "Gefährdungsgrenze",
ab der ein hohes Gesundheitsrisiko gegeben ist, bei 160 Gramm
reinem Alkohol pro Tag definiert. Diese Grenzziehung wurde von
Péquignot selbst (Péquignot et al., 1974) dahingehend
modifiziert, dass er die "Gefährdungsgrenze" auf
60 Gramm (Männer) und 20 Gramm (Frauen) pro Tag reduzierte.
In einer späteren Publikation (Péquignot et al., 1978)
hat der Autor dann allerdings, wohl angesichts des inzwischen
von ihm festgestellten kontinuierlichen geometrischen Zusammenhanges
zwischen Alkoholkonsummenge und Leberzirrhoserisiko überhaupt
davon Abstand genommen, Grenzwerte zu formulieren.
Weitere Angaben über die "Gefährdungsgrenze ab
der ein hohes Gesundheitsrisiko gegeben ist, bietet das Royal
College of Psychiatrists (1979, S.140) mit rund 60 Gramm Alkohol
pro Tag (d.h. 2 Liter englisches Bier oder 0,7 Liter Wein oder
4 doppelte Schnäpse), wobei die Autoren keine geschlechtsspezifische
Differenzierung vornehmen.
Im Rahmen eines WHO Projektes über die Früherkennung
von Personen mit Alkoholproblemen vertreten Saunders et al. (1993),
dass es aktuell im Wesentlichen zwei unter Experten übliche
Vorstellungen über die "Gefährdungsgrenze gibt:
die höhere Variante bei 60 Gramm (Männer) und 40
Gramm (Frauen) pro Tag
die niedrigere Variante bei 40 Gramm (Männer) und 20 Gramm
(Frauen) pro Tag
Als Beispiele dafür: Vom britischen Health Education Council
(1994) wurde unter dem Titel "That's the Limit" in etwa
die höhere Variante und 9 Jahre später vom Health Education
Board for Scotland (Robertson, 1990)* in etwa die niedrigere Variante
vertreten.
Das britischen Health Education
Council (1994) und das Health Education Board for Scotland (Robertson,
1990) betonen in ihren Publikationen allerdings nicht die "Gefährdungsgrenze"
sondern die "Harmlosigkeitsgrenze" und setzen diese
jeweils bei 3 Drinks für Männer und 2 Drinks für
Frauen fest wobei sie darüber hinaus noch zwei abstinente
Tage pro Woche empfehlen. Infolge des Umstandes, dass das britische
Health Education Council einen Drink mit ca. 8 Gramm Alkohol,
das Health Education Board for Scotland einen Drink hingegen mit
6,6 Gramm Alkohol ansetzt, ergeben sich Werte von 24 Gramm (bzw.
20 Gramm; Schottland) pro Tag für Männer und von 16
Gramm (bzw. 13 Gramm; Schottland) pro Tag für Frauen.
Diese inzwischen auch vom Royal College of General Practitioners
(1986) und von Anderson (1990) im Rahmen einer WHO Publikation
popularisierte - eigentlich recht willkürliche - Grenzziehung**
wurde 1984 von einer Stichprobe britischer Alkoholismusforscher
noch mehrheitlich als zu niedrig befunden (Anderson et al., 1984).
Im Durchschnitt vertraten jene 46 von 70 Experten, die auf den
Fragebogen antworteten, für Männer durchschnittlich
einen Wert von 31 Gramm pro Tag und für Frauen einen Wert
von 19 Gramm pro Tag als "Harmlosigkeitsgrenze".
Ein Jahr später wurden von den selben Autoren (Wallace et
al., 1985) neuerlich im Rahmen einer Zufallsstichprobe 200 praktische
Ärzte zu diesem Thema befragt, und nun ergaben sich, wie
die Autoren selbst vermuteten, infolge diverser Kampagnen des
britischen Health Education Councils zur Verbreitung der oben
genannten "Harmlosigkeitsgrenze", Durchschnittswerte,
die mit 18 Gramm pro Tag für Männer und 13 Gramm pro
Tag für Frauen sogar unter den genannten Empfehlungen lagen.
Bei der Einteilung in Alkoholkonsumklassen wurde sowohl die "Harmlosigkeitsgrenze
als auch die "Gefährdungsgrenze den Empfehlungen des
britischen Health Education Council (1994) entsprechend definiert.
Das bedeutet, dass wir einen täglichen Durchschnittskonsum
bis 16 Gramm Alkohol bei Frauen und bis 24 Gramm Alkohol bei Männern
als harmlos und von 40 Gramm Alkohol bei Frauen und von 60 Gramm
Alkohol bei Männern als gesundheitsgefährdend einstufen
(siehe Tabelle unten). Nachdem diese Grenzziehungen inzwischen
auch über WHO-Publikationen (z.B. Anderson, 1990) international
popularisiert wurden, erschien uns diese Festlegung gerechtfertigt.***

Für die Unterschiede in den
Grenzziehungen zwischen Männern und Frauen im Verhältnis
3 : 2 spricht auch, dass diese Mengen hinsichtlich der Wirkung
äquivalent sind, also bei durchschnittlichen Frauen und durchschnittlichen
Männern zu identische Blutalkoholwerten führen.
*Männer:
36 Drinks á 6,6 Gramm pro Woche = 34 Gramm pro Tag ( 0,43
Liter Wein bzw. 0,85 Liter Bier pro Tag)
Frauen: 22 Drinks á 6,6 Gramm pro Woche = 21 Gramm pro
Tag ( 0,26 Liter Wein bzw. 0,53 Liter Bier pro Tag)
**Während
man sich bei der Festlegung der Gefährdungsgrenze auf einige
empirische Untersuchungen berufen kann, gibt es für die Harmlosigkeitsgrenze
keine entsprechenden empirischen Grundlagen.
***
Da WHO Publikationen in der Regel von internationalen Experten
im Auftrag der WHO verfasst und von der WHO dann druckt und vertrieben
werden, ohne dass die WHO allerdings die Inhalte als offizielle
WHO-Position ausgibt, ist es nicht korrekt diese Grenzen als "WHO-Grenzen"
oder als "von der WHO empfohlene Grenzen" anzuführen.
Vermutlich haben andere Experten in anderen WHO Publikationen
davon abweichende Positionen vertreten.
Literatur:
Péquignot, G. (1961):
Die Rolle des Alkohols bei der Ätiologie von Leberzirrhosen
in Frankreich. Ergebnisse und Bedeutung einer systematischen Umfrage.
Münchner Medizinische Wochenschrift, 31, 1464-1466
Péquignot, G.; Chabert, C.; Eydoux, H.; Courcoul, M.A.
(1974):
Augmentation du risque de cirrhose en fonction de la ration
d’alcool. Revue de l’Alcoolisme, 20, 191-202
Péquignot, G.; Tuyns, A.J.; Berta, J.L. (1978):
Ascitic Cirrhosis in Relation to Alcohol Consumption. Int-J-Epidemiol.,
7, 113-120
Royal
College of Psychiatrists (ed.) (1979):
Alcohol and Alcoholism. Tavistock, London
Anderson,
P.; Cremona, A.; Wallace, P. (1984):
What Are Safe Levels of Alcohol Consumption?. BMJ, 289,
1657-1658
Wallace,
P.; Cremona, A.; Anderson, P. (1985):
Safe Limits of Drinking: General Practitioners’ View Drinking.
British Medical Journal, 290, 1875-1876
Royal
College of General Practitioners (ed.) (1986):
Alcohol - A Balanced View. Report from General Practice,
24, London
Robertson,
I. (1990):
How Much Do You Drink?. Health Education Board for Scotland,
Edinburgh
Anderson,
P. (1990): Management of Drinking Problems. WHO Regional Publications,
European Series, No. 32, Copenhagen
Saunders,
J.B.; Aasland, O.G.; Amundsen, A.; Grant, M. (1993):
Alcohol Consumption and Related Problems Among Primary Health
Care Patients: Who Collaborative Project on Early Detection of
Persons With Harmful Alcohol Consumption - I. Addiction, 88,
349-362
HEC
(1994):
That’s the Limit. Health Education Council, London
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