Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung
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Alkoholpolitische Forderungen des Anderson/Baumberg-Reports

Im Zeitraum von 2004 bis 2006 finanzierte die europäische Kommission das Projekt "Alcohol Policy Network in the Context of a Larger Europe: Bridging the Gap", an dem sich Partnerorganisationen aus fast allen EU-Staaten beteiligten und das von der europäischen NGO Eurocare koordiniert wurde. Ziel von "Bridging the Gap" war es, eine europaübergreifende Zusammenschau von empirischen Forschungsergebnissen sowie Präventionsansätzen zur Alkoholpolitik zu erstellen und darauf aufbauend abgestimmte Vorschläge für eine EU-Alkoholpolitik zu entwickeln. Der österreichische Projektpartner war Dr. Alfred Uhl als Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Suchtforschung. Der im Rahmen dieses Projekts von den Projektkoordinatoren Peter Anderson und Ben Baumberg verfasste Endbericht mit dem Titel "Alcohol in Europe: A Public Health Perspective" wird am 1.6.2006 von der EU offiziell präsentiert und der interessierten Öffentlichkeit über das Internet (http://ec.europa.eu/health-eu/news_alcoholineurope_en.htm) zur Verfügung gestellt.


Dieser Report enthält, der Tradition gesundheitspolitischer Dokumente der WHO bzw. EU folgend, nebst dem Hauptteil und einer "Summary" (Zusammenfassung) auch "Conclusions" (Schlussfolgerungen) und "Recommendations" (Empfehlungen), die die Inhalte des Berichts für die politische Umsetzung in die Praxis aufbereiten. Eine deutsche Übersetzung der Zusammenfassung und der Schlussfolgerungen ist weiter unten downloadbar.
Der Bericht analysiert den Stand der internationalen epidemiologischen Alkoholforschung und zieht daraus Schlüsse, wie die Alkoholpolitik in Europa aussehen könnte. Angesichts der großen gesellschaftlichen und gesundheitlichen Probleme, die in Europa in Zusammenhang mit Alkohol auftreten, ist diese Initiative, die von der Europäischen Kommission finanziert wird und an der auch die WHO aktiv beteiligt ist, sehr zu begrüßen. Man kann annehmen, dass der Bericht einen maßgeblichen Einfluss auf die weiteren Empfehlungen und Regelungen in Bezug auf alkoholpolitische Maßnahmen von EU und WHO haben wird.


Nicht alles, was im Anderson/Baumberg-Report gefordert wird, ist aber für Österreich eins zu eins umsetzbar. Ein Teil der geforderten Alkoholkontrollmaßnahmen ist stark von der betont alkoholkritischen angelsächsischen Haltung geprägt, die in den nordeuropäischen Kulturen lange Zeit üblich war und es teilweise noch heute ist. Die gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten bezüglich Alkohol korrespondieren in Österreich jedoch eher mit jenen in den alpinen und südeuropäischen Ländern, wo Alkohol als integraler Bestandteil der Kultur angesehen wird. Unter diesem Gesichtspunkt sollten manche Vorschläge des Anderson/Baumberg-Reports vor ihrer Umsetzung sicherlich den spezifischen österreichischen Rahmenbedingungen angepasst werden.


Zur Veranschaulichung seien hier einige Beispiele angeführt:

  So wird z.B. in den Punkten VIII.5 - VIII.8 der Empfehlungen ein Lizensierungssystem für den Alkoholverkauf empfohlen. - Es ist aber kaum denkbar, dass in Österreich den Gastronomen das Recht Alkohol auszuschenken abgesprochen wird und nur einer begrenzten Zahl von Betrieben eine spezifische Alkohollizenz verliehen wird. Sehr wohl denkbar erscheint jedoch, dass an Orten, wo wiederholt Probleme in Zusammenhang mit Alkoholexzessen auftreten - z.B. gewalttätige Auseinandersetzungen auf Fußballplätzen - lokale Alkoholverkaufs- bzw. -konsumverbote verhängt bzw. ausgeweitet werden.
   
  So wird z.B. in den Punkten VIII.1 - VIII.2 eine hohe Besteuerung von alkoholischen Getränken gefordert. - Es ist aber kaum denkbar, dass die österreichische Bevölkerung dramatische Steuererhöhungen für alkoholische Getränke akzeptieren würde, die den Alkoholkonsum enorm verteuern. Geringfügige Steuererhöhungen haben jedoch keinen relevanten Lenkungseffekt. Sehr wohl denkbar erscheint es aber, das Preisverhältnis alkoholischer zu nichtalkoholischer Getränke in der Gastronomie effizienter als bisher zu regeln. Z..B. könnte die bestehende Gewebeordnungsbestimmung, die besagt, dass es zwei alkoholfreie Getränke günstiger als das billigste alkoholische Getränk anzubieten sind, so präzisiert und kontrolliert werden, dass diese "Jugendgetränke" ganz besonders für Jugendlichen und jungen Erwachsenen finanziell attraktiv werden.
   

Die Frage, welche der Vorschläge für Österreich wünschenswert sowie praktisch umsetzbar sind, und welche nur in angepasster Form oder gar nicht in Frage kommen, wird voraussichtlich Gegenstand der alkoholpolitischen Diskussion der kommenden Monate und Jahren sein.

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Anderson, P.; Baumberg, B. (2005): Alcohol in Europe: A Public Health Perspective.
Institute of Alcohol Studies, London zum Download (verfügbar ab 1.6.2006)

Den Abschluss des Anderson & Baumberg Reports bilden eine Kurzzusammenfassung, Schlussfolgerungen und Empfehlungen, die von den Bridging-the-Gap-Teilnehmern inzwischen in die Landesprachen der beteiligten Staaten übersetzt wurden. Die Übersetzung ins Deutsche wurde von der deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) gemeinsam mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung realisiert.

Download Deutsche Übersetzung (Zusammenfassung und Empfehlungen)

Factsheet zum "Report" aus der Sicht des österreichischen Projektpartnerns
Alkoholspezifische Informationen aus Österreich (zusammengestellt von AKIS)

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Update: 31.5.2006