Text aus:
Uhl Alfred, Bohrn Karl, Fenk Regina, Grimm Gerhard, Kobrna Ulrike,
Springer Alfred, Lantschik Elke (2005):
ESPAD
Austria 2003: Europäische Schüler- und Schülerinnenstudie
zu Alkohol und anderen Drogen Band 1: Forschungsbericht,
Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, Wien
Der Begriff "Rausch"
ist in unserem Kulturkreis ein mehrdeutiger Begriff. Die Begriffsbedeutung
von "Rausch", im Sinne eines Überbegriffes für
jegliche Beeinträchtigung in Zusammenhang mit Alkoholkonsum,
reicht grundsätzlich von einer kaum merkbaren geringfügigen
Beeinträchtigung ("leichter Schwips") über
eine deutlich merkbare Berauschung und eine zur sehr starken Berauschung
("Vollrausch") mit sehr auffälliger Beeinträchtigung,
sowie Kater und Erinnerungslücken am nächsten Tag bis
zur komatösen Bewusstlosigkeit ("Komatrinken").
Gleichzeitig gibt es aber auch ein engeres Begriffsverständnis
im Sinne von "deutlicher Beeinträchtigung" und
ein ganz enges Verständnis im Sinne von "Vollrausch".
Auch der Begriff "Binge-Drinking"
wird fälschlicherweise oft mit "Rauschtrinken gleichgesetzt,
was stark irreführend ist, weil die Alkoholmenge, die bei
Umfragen mit der "Binge-Drinking" verbunden ist, oft
nicht einmal eine leichte Beeinträchtigung hervorrufen muss.
Man kann also ohne explizite Präzisierung nie wissen, in
welchem Sinn die Begriffe "Rausch" bzw. "betrunken/berauscht
sein" von einer Zielperson im Einzelfall verstanden werden,
und kann daher deren Angaben über die Auftrittsrate von Räuschen
auch nur sehr ungenau inhaltlich interpretieren.
Aus diesem Grund ist es wenig befriedigend, bei Befragungen bloß
undifferenziert nach Frequenz und Häufigkeit von "Räuschen"
zu fragen, wie das z.B. bei der ESPAD Erhebung der Fall war (Uhl
et al., 2005). Das Ausmaß der Problematik bei derartig unspezifischen
Fragen nach Räuschen konnten Uhl & Springer (1996) bei
der "Repräsentativerhebung 1993/94" anschaulich
aufzeigen. Dabei zeigte sich z.B., dass im Jahre 1994 38% der
ÖsterreicherInnen während der letzten drei Monate nach
eigenen Angaben einen Schwips, aber nur 8% im gleichen Zeitintervall
einen Vollrausch erlebt hatten. Darüber, welche Auftrittsrate
sich ergeben hätte, wenn undifferenziert bloß nach
"betrunken sein" oder "Alkoholräuschen"
gefragt worden wäre, kann man nur mutmaßen.
Vermutlich ist nur wenigen Personen, die basierend auf Befragungsergebnissen
mit der Anzahl der selbstberichteten Räusche konfrontiert
werden, bewusst, dass es sich bei einer mehr oder weniger großen
Anzahl dieser Räusche nicht um Vollräusche sondern bloß
um minimale Beeinträchtigungen gehandelt hat.
Ganz besonders wenn es um Kinder und Jugendliche geht, sollte
man bei der Interpretation solcher Daten unbedingt auch noch bedenken,
dass alkoholunerfahrene Personen schon bei den geringsten Alkoholmengen
einen Schwips verspüren - im Sinne von ESPAD also berauscht
sind. Man sollte auch beachten, dass es kaum bedenklich ist, wenn
ein alkoholunerfahrener 16 Jähriger, der in Österreich
ja bereits legal in der Öffentlichkeit Alkohol konsumieren
darf, sich nach einem Glas Wein oder Bier etwas beschwipst fühlt.
Bedenklich ist vielmehr, wenn ein 16 Jähriger eine so hohe
Alkoholtoleranz entwickelt hat, dass er auch bei großen
Alkoholmengen keine Anzeichen von Beeinträchtigung zeigt
und sich nicht berauscht fühlt.
Literatur:
Uhl, Alfred; Springer, Alfred (1996):
Studie
über den Konsum von Alkohol und psychoaktiven Stoffen in
Österreich unter Berücksichtigung problematischer Gebrauchsmuster
- Repräsentativerhebung 1993/94, Textband. Originalarbeiten,
Studien, Forschungsberichte des BMGK, Wien
Uhl Alfred, Bohrn
Karl, Fenk Regina, Grimm Gerhard, Kobrna Ulrike, Springer Alfred,
Lantschik Elke (2005):
ESPAD
Austria 2003: Europäische Schüler- und Schülerinnenstudie
zu Alkohol und anderen Drogen
Band 1: Forschungsbericht ,Bundesministerium für Gesundheit
und Frauen, Wien
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